Marmor für Michelangelo


Der David von Michelangelo, im Original
Das wohl berühmteste Werk aus Carrara-Marmor: David von Michelangelo. Foto: Rico Heil (Wikipedia)

Hat man an einem schönen Sommertag vom Toskana-Ferienhaus bei Camaiore aus einen Strandausflug gemacht, sieht man von Viareggio oder Lido di Camaiore aus beim Blick auf die Bergkette der Apuanischen Erstaunliches: Um die Gipfel glänzen anscheinend weiße Schneefelder! Schnee auf den Bergen bei 30° C am Strand? Man wird stutzig. Zu Recht! Denn es handelt sich um die riesigen Marmorbrüche von Carrara und Massa. Man kann einige dieser Cavernen (denn vielfach wird der Marmor so aus dem Berg geschnitten, dass sich riesige Hallen ergeben) besichtigen.

Mamurra machte den Anfang

Das Wort "Marmor" leitet sich von dem römischen Präfekten Mamurra ab. Der war im gallischen Krieg Caesars zu großen Reichtümern gekommen und legte Wert auf eine repräsentative Wohnkultur. So ließ er sein Haus – vermutlich kein Reihenendhaus! – komplett mit dem weißen Stein auskleiden. Zum Teil kam das Baumaterial auch schon aus der Gegend von Carrara. 

In der Folge wurde nicht nur das Wort Marmor geprägt, sondern auch fast alle Prestigebauten Roms mit Marmor ausgestattet. Die Marmorbrüche des damals noch nicht existenten Carrara sind also ab ca. 50 v. Chr. in Betrieb. Allerdings waren sie das nicht durchgehend. Vermutlich für einen Kirchenbau in Carrara Mitte des 13. Jahrhunderts wurde der Marmorabbau in der Gegend wieder aufgenommen. Seither werden die Berge der Versilia ununterbrochen ausgehöhlt und abgebaut.

Abbau in Gipfelnähe
Marmorlandschaft

Schwere Arbeit der Marmoristi

Die Arbeit in den Steinbrüchen war (und ist) sehr gefährlich. Mit der Zeit zogen die Abbaustätten immer höher in die Berge. Entsprechend schwierig ist es, die riesigen Gesteinsbrocken ins Tal zu bringen. Bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts nutzten die Steinbrucharbeiter die "Lizzatura": Eine eigens dafür hergerichtete Trasse, auf der ein mit Seilen gesicherter hölzerner Schlitten die tonnenschweren Marmorblöcke transportierte.

Mit der Industrialisierung konnten aber ganz andere Dimensionen erreicht werden. Heute werden in Carrara und Umgebung jährlich rund 1 Million Tonnen Marmor produziert. In den 60er Jahren war es noch halb so viel, und vor rund 100 Jahren ein Zehntel. Der Marmorabbau lässt die Berge im Hinterland von Carrara verschwinden.

Marmorabbau in den Bergen oberhalb von Massa
Marmorabbau bei Massa
Keine Werke Michelangelos: Die Bildhauer von Pietrasanta arbeiten viel für die Sepulkralausstattung.
Bildhauerwerkstatt in Pietrasanta

Wunschmaterial von Bildhauern

Großer Beliebtheit erfreut sich der rein weiße Carrara-Marmor seit jeher bei Bildhauern. In der Rennaissance wurde es üblich, dass die Künstler selbst nach Carrara reisten, um sich einen passenden Gesteinsblock auszusuchen. Der wurde dann an den Aufstellungsort gebracht und direkt vor Ort in die Skulptur verwandelt.

So soll auch Michelangelo in die Steinbrüche gekommen sein, um sich Material für Skulpturen auszusuchen. Für seinen David, der heute in Florenz bewundert werden kann, musste er aber nicht verreisen: Der dafür ausersehene sechs Meter lange Steinbrocken lagerte schon seit 33 Jahren im Domgarten. Das meiste Material wurde durch die bildhauerische Arbeit weggeschlagen. Aber: Allein die Skulptur wiegt rund sechs Tonnen, der Gesteinsblock, aus dem sie geschaffen wurde, dürfte ein Vielfaches gewogen haben. Wer bereits einmal vor der Aufgabe stand, eine deutlich kleinere Last zu transportieren, mag sich die technische Leistung, die ein solcher Transport vor 500 Jahren darstellte, vor Augen rufen!