Camaiore und die Literatur


Was hat Camaiore mit Literatur zu tun? Nichts Besonderes? Doch, es ist vielleicht mehr, als man zunächst denken könnte. Als erstes fällt natürlich der internationale Literaturpreis in den Blick, den Camaiore jährlich verleiht. Im Jahr 2003 erhielt ihn beispielsweise die bekannte Lyrikerin Friederike Mayröcker. 

Christoph Ransmayr erwähnt Camaiore in seinem unterkühlten Roman Morbus Kitahara als einen Ort einer großen Schlacht. Das war zum Glück nur Erfindung, vielleicht inspiriert vom Ortsnamen (= Campus Major / großes Feld), der vielleicht auch an ein Schlachtfeld erinnert?

Unter den großen Söhnen und Töchtern der Stadt sind Francesco Gasparini, der barocke Komponist (über dessen Kindheit in Camaiore praktisch nichts bekannt ist) und die letzte Kaiserin Österreichs, Zita von Bourbon-Parma, die erst 1989 im Alter von 97 Jahren starb. Bei Wikipedia werden auch Rad- und andere Rennsportler genannt. Von Literaten liest man nichts. 

Aber Camaiore war (und ist) eine Stadt, die kreative Menschen anlockt. Der bekannte Fotograf Will McBride hat hier ein kleines Häuschen. Und lange Zeit lebte in Camaiore ein Förderer der Literatur, Weltbürger wider Willen, Künstler: Der frühere Chef des Fischer-Verlags, Gottfried Bermann Fischer. Er wurde 98 Jahre alt und starb friedlich im Jahr 1995 in Camaiore. Aus seinem Erinnerungsbuch findet sich hier ein kleiner Ausschnitt, eine Eloge auf die kleine Stadt Camaiore und ihre Menschen.

Ein weiterer Dichter ist in Camaiore (und Stuttgart) zu Hause: Dieter Schlesak. Der Schriftsteller mit siebenbürgischen Wurzeln hat den Ort schon lange als Inspirationsquelle und Rückzugsort entdeckt.

Vielleicht reicht ja schon ein Urlaub zwischen Bergen und Meer, um diese Quelle für sich selbst zu erschließen?

Gottfried Bermann Fischer:

Das Haus in der Toskana

Brigitte und Gottfried Bermann Fischer in ihrem Haus in Camaiore - Foto: © S. Fischer Verlag

Vom ›Belvedere‹, der über den Abhang unseres toskanischen Hügels vorgebauten Dachterrasse meiner Bildhauerwerkstatt, sieht man weit über das fruchtbare, von Weinbergen und Oliven­hängen umgebene Tal von Camaiore hin zum Meer, das in den späten Nachmittagsstunden wie eine goldene Scheibe in den Strahlen der sinken­den Sonne aufleuchtet. Campus Maior hatten es die Römer genannt.

In dieser Talmulde, die von noch heute hochragen­den Wachtürmen auf den umliegenden Bergen beschützt wird, unterhielten sie Vorratslager für ihre nach Norden ziehenden Armeen. Einer der Türme, in viele Blöcke zersprengt, steht als Ruine hoch im Berg hinter meinem Haus. In der Tiefe seines Verlieses findet man Münzen aus der Zeit der Sarazenen, die bis hierher vorgedrungen waren.

Es ist die nördlichste Toskana, wo wir leben, wild und freundlich zugleich, wie ihre Bewohner, von denen mein Freund Marino Marini, der nicht weit von uns seinen Sommersitz und seine Bildhauer­werkstatt hat, zu sagen pflegt, sie seien Teufel und Engel in einem. Die Nachfahren der Etrusker sind sie gewiss, hundert- und tausendfach gemischt mit den durchziehenden Herren von Nord und Süd, im ewigen Wechsel der Herrschaft über dieses gelobte Land, von dem ein Strom der Kultur und der Schönheit über die Welt ausging – Lucca, Pisa, Florenz, Siena, San Gimignano, Volterra und unzählige kleinere Orte mit unsagbaren Kunst­schätzen liegen wie ein Perlenkranz um unseren kleinen Besitz, auf dem wir zu erleben suchen, was die Jahrhunderte hier so unerschöpfbar aufgesta­pelt haben. Die rote toskanische Erde in den heißen trockenen Sonnenstrahlen glühend, mag die Energien ausstrahlen, die auch uns in unserer Arbeit beflügelten.

Wir hatten diesen Platz gefunden als ich 1955 mit meiner Frau und meinen Töchtern für ein paar Wochen in der Nähe von Forte dei Marmi die Sommerferien verbrachte. Das Meer, die Pinien­wälder und die Apuanischen Alpen, die wie ein Schutzwall gen Norden das Tal der Versilia ab­schlie­ßen, hatten es uns angetan; und nicht zum wenigsten die Nähe von Florenz, das wir nicht oft genug sehen konnten.

Der Text wurde entnommen aus:
Gottfried Bermann-Fischer, Bedroht-Bewahrt. Weg eines Verlegers
(c) S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1967
Seite 339