Land und Leute


"Italien ist eigentlich immer „in“. Ob für ein besonderes Rahmenprogramm, um die Tagung lebendiger zu gestalten, ob als besondere Location für eine aussergewöhnliche Feier, eine Galaveranstaltung, eine Hochzeit oder als Ziel und Belohnung für Ihre Mitarbeiter, die den dolce vita-Bonus für ein verlängertes Wochenende gewonnen haben." (Anpreisung einer Eventagentur)

So kann man es also auch sehen! In unserer Sichtweise ist Italien aber eher nicht die dekorative Hintergrundfolie, in den Fokus rücken stattdessen die Menschen, die Italien bewohnen, und die zusehen müssen, wie sie ihr Leben und das ihrer Familie auf die Reihe kriegen. Ganz wie, sagen wir einmal, in Dänemark – nur dass dieses spezielle Land hauptsächlich von Italienern bewohnt ist. Das macht es natürlich schon zu etwas Besonderem! Und Ihr Toskana-Ferienhaus ist Teil dieses besonderen Landes.

Die Familie und was davon übrig ist

Da man über Italien und die Italiener dicke Bücher schreiben kann (und es sind schon viele geschrieben worden), sollen hier nur ein paar ausgewählte Betrachtungen angestellt und Vorurteile aufgespießt werden. Fangen wir an mit der Familie, die tatsächlich oder doch nur angeblich so sehr im Mittelpunkt der italienischen Mentalität steht. Tatsächlich ist es üblich, dass Kinder bis weit in das Erwachsenenalter bei ihren Eltern wohnen bleiben. Das hat aber auch etwas mit den hohen Mietpreisen für Wohnungen zu tun! Auch gehört zum italienischen Familiensinn: Die Geburtenrate beträgt nur 1,3 Kinder pro Frau, eine der niedrigsten in Europa. Warum? Weil sich die Italienerinnen die Kinder nicht mehr leisten können.

Ein paar Anmerkungen zu Liebe, Familie, Arbeit ...

Amore in macchina

Das Fehlen einer eigenen Wohnung gerade in dem Lebensalter, das die meisten Hormone entstehen lässt, führt zu dem viel geübten Brauch der "amore in macchina". Wobei die genannte Maschine ein Auto ist. Raum ist im kleinsten Fiat! Verschwiegene Parkbuchten, uneinsehbare Stichstraßen oder abgelegene Parkplätze sind die Orte der nächtlichen Leidenschaft. Tagsüber erkennt man sie an den zahlreichen, schnell entsorgten Hinterlassenschaften der Liebe. Dazu passt, dass man in Italien zwar grundsätzlich katholisch ist, das Katholische aber nach den eigenen Notwendigkeiten interpretiert.

Ungläubige Katholiken

Aber auch beim Glauben ist nicht alles so, wie es das Vorurteil will: Von den 80 % Katholiken im Lande ist nur der kleinste Anteil regelmäßiger Kirchgänger. Die anderen haben am Sonntagmorgen etwas besseres zu tun - beispielsweise die Motorsäge oder einen geräuschvollen Freischneider anzuschmeißen. Oder sie kochen für die ganze Familie. Und das machen in Italien wohl grundsätzlich die Frauen.

Faule Italiener?

Ein weiteres Vorurteil: Italiener sind faul. Wir wissen nicht, wer dieses Gerücht in die Welt gesetzt hat. Nach unserer Beobachtung sind die Italiener fast immer bienenfleißig. Wenn man sieht, wie gebaut und gearbeitet wird, erkennt man, dass generelle Faulheit gewiss nicht zu den italienischen Nationaleigenschaften gehört. Allerdings ist es nicht verpönt, bei der Arbeit zu pfeifen oder zu singen. Das sind natürlich Wesenszüge, die manchem Nordeuropäer fremd sind.

Alle Taschen zu – Italien und die Kriminalität

Noch so etwas: Italiener sind diebisch! Tatsächlich wurde das Auto von Opa Günter, der es davon abgesehen auch schon vorher gewusst hatte, bei seiner ersten Italien-Reise im Jahre 1964 aufgebrochen und ausgeraubt... Unsere eigenen Erfahrungen in Italien und insbesondere in Camaiore und Umgebung sind aber ganz andere: Noch zu Lire-Zeiten bezahlten wir im Café versehentlich mit einem 100.000-Lire-Schein, statt mit 1.000 Lire (entspricht ungefähr 50 Euro zu 50 Cent). Wir waren schon lange um die nächste Straßenecke, als der Wirt des Cafés noch mit dem Wechselgeld angerannt kam. Oder: Das prall gefüllte Portmonee blieb auf einem öffentlichen Telefonapparat am Straßenrand liegen – und war natürlich weg. Aber nicht für immer. Tags drauf überreichten es uns frisch gebügelte Carabinieri, und zwar mit vollständigem Inhalt.

Italiener und Deutsche
Italiener lieben die Deutschen. Stimmt, jedenfalls in vielen Punkten. Sie bewundern deutsche Technik, insbesondere beim Autobau. Wenn ein Deutscher in Italien arbeitet, wird das ebenfalls bewundert, denn man glaubt, er mache das, obwohl er es eigentlich nicht nötig habe. Wenn ein Deutscher "Ciao" und "Buongiorno" sagen kann, kommt bei italienischen Gesprächspartnern euphorische Freude über diese elaborierte Sprachkenntnis auf. Verständigen kann man sich ohnehin irgendwie auch anders. Im Gegensatz zu Frankreich wird es einem in Italien nie passieren, dass man schief angeschaut wird, wenn man die Landessprache nicht oder nur unzureichend spricht. Fehler welcher Art auch immer werden einem großzügig verziehen.

Einmal sind wir auf einem Spaziergang in den Hügeln um Camaiore einem alten Mann begegnet, der sich wahnsinnig freute, nachdem er uns als Deutsche erkannt hatte. Es zeigte sich, dass er gar nicht so schlecht deutsch sprach. Woher? Nun, er war zwei Jahre in einem deutschen Kriegsgefangenenlager gewesen. Man hätte sich auch eine andere Reaktion auf die deutschen Touristen vorstellen können. Wer in Holland mit Leuten spricht, die den Krieg noch erlebt haben, kennt das vielleicht.

Und dabei hätten die Menschen in Camaiore jeden Grund, einen Groll gegen die Deutschen zu haben. In einer Nachbargemeinde, St. Anna di Stazzema, verübten deutsche Truppen im Jahr 1944 ein Massaker. Mehr als 500 Menschen wurden ermordet, hauptsächlich alte Leute, Frauen und Kinder. (Mehr dazu bei Wikipedia und kürzlich im SPIEGEL.)

Aber es ist, wie es ist: Als Deutscher hat man immer das Gefühl, grundlos bevorzugt behandelt zu werden.

Normaler Gesprächsabstand, minus 25 cm

Was auch jeder weiß, ist, dass Italiener kom­mu­ni­ka­tiv sind. Es stimmt. Dass man sich in einer Bar in eine Ecke drückt und still und zurückgezogen seinen Espresso oder Wein schlürft, wird zwar auch akzeptiert. Der Normalfall ist aber, mit anderen Gästen und dem Personal ein Gespräch an­zu­fan­gen. Die schlechte wirt­schaft­liche Lage, die verhagelte Olivenernte, das bevorstehende Fest, die Fußballergebnisse: Alles ist möglich. Wichtig ist aber, eine Meinung zu haben. Diese Meinung wird dann auch engagiert vorgetragen. Kein Wunder, dass in der Hitze des Gesprächs es manchmal etwas lauter wird. Auch wichtig zu wissen: Italienische Gesprächspartner stehen enger zusammen als deutsche. Zurückweichen ist nicht angesagt. Wir sahen uns schon mehrfach scheinbar in einen hitzigen Streit verwickelt – aber dann war es einfach nur ein belangloser Meinungsaustausch unter alten Freunden.

Die hohe Kunst des unverständlichen Formblatts

Immer, naja, fast immer fühlt man sich als Deutscher in Italien ungerecht bevorzugt. Doch es gibt hier eine ausgeprägte Bürokratie, die für Ausländer noch schwieriger zu durchschauen ist als für Einheimische. Das Formularwesen ist hoch entwickelt, und die dort gebrauchten Fachaus­drücke finden sich in keinem Lexikon. Wenn man (beispielsweise als deutscher Hausbesitzer) eine behördliche Angelegenheit zu erledigen hat, fasse man sich in Geduld und Gottvertrauen. Das kennen auch alle Italiener. Umberto Eco hat darüber einen vermutlich leider wahrheitsgetreuen Aufsatz geschrieben: "Wie man einen verlorenen Führerschein ersetzt". Übrigens geht es dann manchmal auch ganz schnell. Auf dem Katasteramt in Lucca wurde uns einmal eine exklusive bevorzugte Behandlung zuteil, weil wir eigens aus Deutschland angereist gekommen waren...

Der öffentliche Zugriff (rein männlich)

Als letztes muss noch ein Thema angeschnitten werden, was auch immer etwas Rätselhaftes für uns Deutsche hat. Ist es so, dass sich italienische Männer in der Öffentlichkeit in den eigenen Schritt fassen, mindestens so ostentativ, wie es beispielsweise Madonna in ihren Konzerten machte? Ein heikles Thema! Aber um die Wahrheit zu sagen: Sie machen es.

Aber, die entsprechende Geste ist deutlich seltener geworden. Vor 20 oder 30 Jahren hat man es immer gesehen, jetzt nur hin und wieder. Aber warum?? Als gut informierte Psychologie-heute-Leser lag für uns die Vermutung nahe: Ein Akt der Selbstvergewisserung. Ich habe Eier, also bin ich. Interne Verklemmung und Neujustierung nach Fehllagerung wäre auch noch eine Interpretation gewesen, aber die würde nicht die völlig unschamhafte öffentliche Handlung erfordern – das ließe sich auch diskreter regeln. Weil der Griff an die Hose aber oft auch im Gespräch zwischen Männern stattfindet, ließe der sich auch als Imponiergehabe deuten.

Nach fast 40-jähriger Beobachtung der entsprechenden Geste wird uns jetzt erst der wahre Hintergrund deutlich. Es handelt sich um eine apotropäische Handlung: Wenn im Gespräch eine schlimme Krankheit erwähnt wird, greift Mann sich an den Sack, um das gute Teil und damit sich selbst zu schützen. Das ist zu schön und einfach, um nicht wahr zu sein!

Aber, wie auch immer: Selbst in Italien wird diese Geste nicht mehr als straßentauglich empfunden. Im Jahr 2008 wurde ein Mann aus Como zu einer empfindlichen Geldstrafe wegen ostentativem "Sich-an-das-Gemächt-fassens" verurteilt. Wenn das Schule machen sollte, dürften die italienischen Staatsfinanzen bald saniert sein. Aber ob Berlusconi und seinesgleichen, falls sie wieder in der italienischen Politik Fuß fassen sollten, dies zulassen werden?