Mit der Eisenbahn nach Camaiore – niemals in 10 Minuten!


Der Blick ist grandios: Wer in den Abendstunden zu einem Spaziergang rund um Greppolungo aufgebrochen ist, kann das Panorama betrachten, ähnlich wie es die Webcam der Erdbebenstation Greppolungo aufgefangen hat: Die Küste der Versilia mit dem lichterglän­zenden Hafen von Viareggio, das flache Vorland, dessen Bebauung dann nur noch undeutlich zu erkennen ist und schließlich in einem Talkessel die Lichter von Camaiore. Weit hinten, jenseits eines Höhenzuges, blinken die Lichter von Pisa. Und zwischen Ca­ma­iore und Viareggio bewegen sich gegenläufig zwei nicht enden wollende Schlangen von Lichtern: Autos, die in die eine oder andere Richtung unterwegs sind. Nicht selten, dass es sich staut und nur noch ganz langsam voran geht. Und mitten im Stau stecken dann auch die Busse, die von oder nach Viareggio fahren.

Mit der Bahn Verkehrsprobleme lösen
Da könnte einem schon mal der Gedanke einfallen: Wenn es so viel Verkehr zwischen den beiden Städten gibt - würde sich da nicht eine Bahnver­bin­dung lohnen? – Der Gedanke ist nicht neu, und es gab eine Bahn. Zwar war der Verkehr in früheren Zeiten lange nicht so stark, aber trotzdem kam schon im 19. Jahrhundert die Idee auf, Camaiore und Viareggio über die Schiene zu verbinden. Im Jahr 1861 sollte bereits eine Bahn von Pietrasanta über Camaiore nach Lucca gebaut werden. Es kam nicht dazu. Noch mehrere Anläufe und Planungen wurden unternommen. Schließlich, im Jahr 1900, wurde nach 15-monatiger Bauzeit die Verbindung Viareggio-Camaiore am 8. August eingeweiht.

Ein Bahnhof in der Ortsmitte
Der Bahnhof und zugleich Endstation befanden sich in Camaiore mitten auf der Piazza 29 Maggio, die damals noch Porta Nuova hieß. (Der 29. Mai erinnert an die Schlacht von Curtatone und Monta­na­ra im Jahr 1848, bei der die toskanischen Trup­pen siegreich gegen Österreich kämpf­ten.) Das pompöse Amts­ge­bäude an der Kopf­seite des Platzes gab es noch nicht. Für die Bewohner der Stadt, aber auch der umliegenden Dör­fer war die Bahn ein riesiger Fort­schritt. Viareggio mit seiner In­dustrie, seinem Hafen und seit der Jahr­hun­dert­wen­de auch mit seinem Frem­den­­ver­kehr war ein wichtiger Be­zugs­punkt für das wirt­schaft­li­che Leben von Camaiore. Der Zug brachte die beiden Städte sechs mal am Tag näher zusammen (wenn auch die Fahrzeit 34, und nicht die berühmten 10 Minuten betrug).

Eine Bummelbahn

Später, als die Bahnanlagen schon in die Jahre gekommen waren, wurde die Geschwindigkeit auf höchstens 13 km/h noch weiter herabgesetzt, so dass man jetzt fast eine Stunde lang auf der nur gut zehn Kilometer langen Strecke unterwegs war. Es wird berichtet, dass manchmal die Passagiere aussteigen und schieben mussten, um den Anstieg im Ortsteil Frati zu überwinden.

Die Endstation in Camaiore - Aufnahme aus den 20er Jahren (Wikipedia Commons)

Ende im Renovierungsstau

Das zeigt schon, dass es um die Eisen­bahn­tech­nik nicht zum Besten stand. Und so endete die Zeit, da Camaiore einen Eisen­bahn­an­schluss hatte, nach nur 38 Jahren. Die anderen Bahnlinien in weiten Teilen der Toskana waren bereits elektrifiziert, und für die langsame und häufig defekte Dampf-Eisenbahn war die Zeit abgelaufen. Am 30. Mai 1938 fand die letzte Fahrt statt. Die Bahnanlagen gab es noch einige Zeit, dann wurden auch sie abgebaut und verschrottet.

Ein Modell für heute?

Und heute? Wenn man die Autoschlangen sieht, die den Fosso dell' Abate entlang nach Viareggio und umgekehrt fahren, denkt man spontan, dass eine (schnelle) Bahnverbindung eigentlich lohnend und attraktiv sein müsste. Doch ob sich die Bewohner der beiden Städte wirklich aus ihren Autos locken lassen würden? Vermutlich nein. Aber, was noch schwerer wiegt: Die ehemalige Bahntrasse gibt es ja schon lange nicht mehr, sie ist vielfach überbaut. Nur wenige Reste lassen sich davon noch aufspüren. Eine neue Strecke würde vermutlich hunderte von Millionen Euro kosten. Billiger und leichter zu verwirklichen wäre da ein Radweg. Aber auch den können sich die Stadtväter nicht leisten. Und so wird die Autoschlange zwischen den beiden Städten wohl noch einige Zeit zum Landschaftsbild gehören. Und wer mit der Bahn nach Camaiore fahren möchte, steigt an der Station Lido aus und ist mit dem Bus schnell in der Stadt – es sei denn, dass es gerade einen Stau gibt.

 

Geschrieben im Toskana-Ferienhaus, Dezember 2013